CPG S. Sinnethamby Heimatmuseum Wandsbek -- Raum 2a

Gedichte von Matthias Claudius


Der Mensch

Empfangen und genährte
Vom Weibe wunderbar
kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet, und verehret;
hat Freude, und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält Nichts, und Alles wahr;
Erbauet, und zerstöret;
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst, und zehret;
Trägt braun und graues Haar;
Und alles dieses währet,
Wenn's hoch kommt, achzig Jahr.
Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

~1783~

Christiane

Es stand ein Sternlein am Himmel,
....Ein Sternlein guter Art;
Das tät so lieblich scheinen,
....So lieblich und so zart!

Ich wußte seine Stelle
....Am Himmel, wo es stand;
Trat abends vor die Schwelle,
....Und suchte, bis ich‘s fand;

Und blieb denn lange stehen,
....Hatt große Freud in mir:
Das Sternlein anzusehen;
....Und dankte Gott dafür.

Das Sternlein ist verschwunden;
....ich suche hin und her
Wo ich es sonst gefunden,
....Und find es nun nicht mehr.

Auf den Tod von Claudius' zweiter
Tochter Christiane, die am 2.7.1796 mit
21 Jahren an "Nervenfieber" (Typhus)
starb.

 

Abendlied

Der Mond ist aufgegangen
Die goldnen Sternlein prangen
....Am Himmel hell und klar;
Der Wald steht schwarz und schweiget,
Und aus den Wiesen steiget
....Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,
Und in der Dämmrung Hülle
....So traulich und so hold!
Als eine stille Kammer,
Wo ihr des Tages Jammer
....Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen? -
Er ist nur halb zu sehen,
....Und ist doch rund und schön!
So sind wohl manche Sachen,
Die wir getrost belachen,
....Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder
Sind eitel arme Sünder,
....Und wissen gar nicht viel;
Wir spinnen Luftgespinste,
Und suchen viele Künste,
....Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,
Auf nichts Vergänglichs trauen,
....Nicht Eitelkeit uns freun!
Laß uns einfältig werden,
Und vor dir hier auf Erden
....Wie Kinder fromm und fröhlich sein!

...............................*

Wollst endlich sonder Grämen
Aus dieser Welt uns nehmen
....Durch einen sanften Tod!
Und, wenn du uns genommen,
Laß uns in Himmel kommen,
....Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,
In Gottes Namen nieder;
....Kalt ist der Abendhauch.
Verschon uns, Gott! mit Strafen,
Und laß uns ruhig schlafen!
....Und unsern kranken Nachbar auch!

~1779~

 

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